Beiträge von Kirutin

    Eigentlich wollte ich RegataOS einem zweiwöchigen Test unterziehen.

    Weil ich solche Nischen-Distros grundsätzlich sehr mag.

    Nicht, weil sie immer perfekt sind.
    Sondern weil sie sich oft trauen, Dinge anders zu machen.

    RegataOS gehört genau in diese Kategorie.

    Eine brasilianische Linux-Distribution auf openSUSE-Basis, mit eigener Systemidee, eigenem Gamecenter, eigenem App Store und dem Versuch, openSUSE Tumbleweed und Leap irgendwie miteinander zu verheiraten.

    Und ganz ehrlich:

    Das hebt sich so angenehm von der Masse ab, dass es ziemlich genau meinen Spieltrieb trifft.

    Ich mag solche Projekte.
    Ich mag es, wenn jemand nicht einfach nur „noch ein Ubuntu mit anderem Wallpaper“ baut, sondern versucht, etwas Eigenes daraus zu machen.

    Die Installation war auch komplett schmerzlos.

    ISO gebootet, installiert, erster Start: flott.
    Alles wirkte erstmal rund.

    Ein paar Sekunden später kam dann auch schon eine kleine, unauffällige Meldung:

    Updates verfügbar.

    Und wer mich kennt, weiß:
    Bei Updates kann ich nur schwer Nein sagen.

    Also draufgeklickt.

    Das erste Update lief durch. Kein Reboot nötig.

    Okay, dachte ich, dann schaue ich mir erstmal das System etwas genauer an.

    Dann ploppte das zweite Update auf.

    Und natürlich wurde auch das angeklickt.

    Ihr kennt die Leier.

    Danach wurde ich aber etwas misstrauisch und dachte:

    Zitat

    Komm, mach lieber mal einen Neustart.

    Schwerer Fehler.

    Die mache ich bekanntlich gerne.

    Nach dem Reboot landete ich nämlich nicht gemütlich auf dem Desktop, sondern direkt im TTY. RegataOS hatte sich nach dem Update den NVIDIA-Stack ein wenig kunstvoll verknotet.

    Kurzfassung:

    Der neue Kernel war da, aber die passenden NVIDIA-Kernelmodule und Userspace-Pakete waren nicht sauber zusammengeführt. Erst fehlte das NVIDIA-Modul, dann passten Kernelmodul und NVML-Bibliothek nicht zusammen, zusätzlich stolperte dracut über eine fehlerhafte NVIDIA-Konfiguration.

    Also: klassische Treiber-Kobold-Kellerführung.

    Mit etwas Handarbeit ließ sich das reparieren: passende Kernel-Devel-Pakete installieren, NVIDIA-KMP nachziehen, Userspace-Pakete auf dieselbe Version bringen, dracut-Konfiguration korrigieren und den Treiber manuell laden.

    Als Daily-Erlebnis war das ein klarer Minuspunkt.

    Als Linux-Lernmoment war es dagegen fast schon wieder ein kleines Geschenk.

    Ich habe dabei wieder einmal ein paar echte Schichten angefasst, die man im normalen Desktop-Alltag lieber nie sehen möchte: Kernel-Versionen, Kernel-Devel-Pakete, NVIDIA-KMP, Userspace-Bibliotheken, NVML, dracut, modprobe und zypper-Konfliktlösung.

    Und genau da liegt für mich der Unterschied:

    Für mich war das ein kleiner Bosskampf zwischendurch. Nervig, aber auch spannend.

    Für einen Einsteiger wäre es vermutlich einfach nur das Ende des Tests gewesen.

    Und an dieser Stelle muss ich fairerweise sagen:

    So sehr ich zypper manchmal nervig finde, weil es gerne sehr ausführlich redet und einen mit Lösungsvorschlägen bewirft — in diesem Fall war ich froh, dass zypper da war.

    Nicht apt.
    Nicht pacman.

    Zypper hat mir sehr genau gezeigt, welche Pakete kollidieren, welche Lösungen möglich sind und wann ich kurz davor war, mir das halbe System aus Versehen wegzuoperieren.

    Das war nervig.
    Aber hilfreich nervig.

    So eine Art Paketmanager mit Klemmbrett und Warnweste.

    Joa.

    Jetzt läuft scheinbar wieder alles.

    nvidia-smi zeigt wieder meine RTX 4070, der Desktop ist zurück und RegataOS tut erstmal so, als wäre nichts gewesen.

    Aber der nächste Update-Hinweis steht schon wieder da.

    Und ganz ehrlich:

    Ich weiß noch nicht, ob ich mir das zwei Wochen lang antun möchte.

    Das ist schade, weil ich die Idee hinter RegataOS wirklich mag.

    Liebe RegataOS-Entwickler aus Brasilien:

    Eure Idee ist super. Originell. Mutig. Sympathisch. Genau die Art von eigenständigem Linux-Projekt, die ich eigentlich gerne teste.

    Aber zumindest auf meinem NVIDIA-System wirkt es nach dem ersten Update noch nicht ganz ausgereift genug, um das Versprechen von „anfängerfreundlich“ wirklich einzulösen.

    Denn wenn ein Nutzer nach dem ersten Update im TTY landet, NVIDIA von Hand reparieren muss und plötzlich dracut-Konfigurationsdateien anfässt, dann ist das vieles.

    • Spannend.
      Lehrreich.
      Sehr Linux.

    Aber nicht anfängerfreundlich.

    Und genau deshalb bin ich gerade unsicher, ob aus meinem geplanten Zwei-Wochen-Test wirklich zwei Wochen werden.

    Nicht, weil RegataOS uninteressant wäre.
    Im Gegenteil.

    Gerade weil die Idee dahinter spannend ist, tut dieser erste harte Stolperer ein bisschen weh.

    Vielleicht schaue ich später nochmal rein, wenn der NVIDIA-/Update-Stack runder wirkt.

    Für heute bleibt mein Eindruck:

    RegataOS ist eine mutige, sympathische und angenehm eigenständige Idee.

    Aber auf meinem System ist es im Moment noch eher ein spannendes Bastelabenteuer als ein Desktop, den ich einem Einsteiger guten Gewissens hinstellen würde.

    Vielleicht nächstes Jahr.

    Einige "selbsternannte" Linux-Streamer (international) bringen im Moment Content zum Thema - Arch ist gefährlich / ich verlasse Arch u.ä. :1f922:

    Was soll das bitte - WO bleibt der Respekt vor der Arbeit...der Idee: Für Mich - für Andere - für ALLE ?!!

    Ich schäme mich für diese Ignoranz und diese "dümmliche Kurzsichtigkeit" (sorry). :1f621:

    Da bin ich voll bei dir.

    Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass sich manche Streamer ihrer Verantwortung gar nicht richtig bewusst sind. Wenn man Reichweite hat, bleibt von solchen Aussagen bei vielen am Ende eben nur hängen: „Arch ist gefährlich“ oder „AUR böse“.

    Und ja, viele erwarten bei Open Source am liebsten Enterprise-Niveau, sofortige Updates, perfekte Sicherheit und am besten noch persönlichen Support — aber bitte kostenlos.

    Sobald es dann aber um Eigenverantwortung geht, steigen viele leider aus.

    Vielleicht ist es dann sogar besser, wenn manche Arch verlassen und zu einer Distribution wechseln, die besser zu ihren Erwartungen passt.

    Die Leute, die Arch dafür schätzen, was es ist, bleiben dann eben. Und vielleicht ist das auch völlig ausreichend.

    Danke für die ausführliche Antwort.

    Kann ich gut nachvollziehen. Wenn zu viele kleine Dinge direkt in deinen Alltag reingrätschen, wird's ungemütlich.

    Wenn man wegen AUR von Arch/EOS weg will, dann aber unter Fedora direkt wieder Copr braucht, verschiebt man sein Problem am Ende nur von A nach B, da hast du vollkommen recht. 😅

    Du sagst ja selbst: AUR einfach mit ein bisschen Vorsicht genießen, dann sollte das auch kein Problem darstellen.

    Danke nochmal für den ausführlichen Einblick.

    Vielen Dank, dass du uns auf diese Petition aufmerksam machst, borrtux.

    Ich finde es ebenfalls wichtig und richtig, dass Menschen, die Open-Source-Arbeit leisten, mehr Anerkennung bekommen — und wenn es am Ende, wie in der Petition angesprochen, auch kleine steuerliche Vorteile oder eine bessere rechtliche Einordnung gibt, wäre das meiner Meinung nach ein sinnvoller Schritt.

    Entwicklung, Paketpflege, Dokumentation, Übersetzungen, Support und all die unsichtbare Arbeit drumherum fressen enorm viel Zeit. Ich habe das in den letzten Tagen selbst wieder gemerkt. Und die Menschen, die so etwas Tag für Tag und Jahr für Jahr freiwillig machen und ihre Freizeit dafür opfern, verdienen Respekt und Anerkennung.

    Leider bekommen sie oft eher negatives Feedback nach dem Motto: Warum gab es noch kein Update? Warum funktioniert das noch nicht? Warum ist dieses Paket nicht aktueller?

    Dabei hängt an vielen Stellen einfach echte unbezahlte Arbeit von echten Menschen dran.

    Also ja: Ich werde mir die Petition nach Feierabend nochmal genauer anschauen und sie sehr wahrscheinlich auch unterschreiben.

    Nachtrag: Habe es inzwischen auch gemacht.

    Nach 2 Tagen mit Fedora 44 KDE habe ich mich dazu entschieden, bei EndeavourOS zu bleiben. Ab sofort werde ich viel genauer auf die Pakete aus dem AUR achten. Ich bin zuversichtlich, dass das weiterhin funktionieren wird. :winking_face:

    Das ist mal eine klare Ansage 💪 Bin auch davon überzeugt dass, das funktionieren wird. Immerhin ist es bekanntes Gebiet für dich. 😁

    Darf ich fragen, was dich mittlerweile an Fedora stört? Immerhin hast du Fedora, wie ich gelesen habe, auch eine lange Zeit benutzt.

    Ich hätte da noch eine Frage an die NixOS Fachleute.

    Was genau hat es mit diesen "Flakes" auf sich?

    Ich habe mir jetzt schon echt viele Videos angesehen und noch mehr Texte dazu gelesen.
    Aber blicke es einfach nicht.

    Aber bitte schreibt langsam, ich kann nicht mehr so schnell lesen! :grinning_squinting_face:

    Flakes kannst du dir grob wie einen festgepinnten Bauplan vorstellen.

    Ohne Flake sagst du Nix eher: „Nimm den aktuellen Stand von diesem Kanal.“

    Mit Flake sagst du: „Nimm genau diesen Stand von nixpkgs, home-manager usw.“ Dieser Stand wird in der flake.lock gespeichert. Dadurch ist dein System reproduzierbarer, weil Nix beim nächsten Rebuild wieder dieselben Quellen benutzt.

    Wenn du neue Paketversionen möchtest, aktualisierst du die Flake, z. B. mit nix flake update. Dann wird die flake.lock auf einen neueren Stand gesetzt und beim nächsten Rebuild kommen die neuen Versionen rein.

    Also:

    Flake = reproduzierbarer Bauplan.

    flake.lock = festgehaltener Versionsstand.

    flake update = neue Versionen reinholen.

    Kurz gesagt: Eine Flake beschreibt dein System/Projekt sauberer, und die flake.lock merkt sich den genauen Stand der verwendeten Quellen.

    Mal ne Frage HerrRossi , wie lange dauern denn Updates bei dir? Hab Bazzite mal getestet und da hat das Update gefühlt ewig gedauert... 10 Minuten +

    Ich bin zwar nicht HerrRossi, aber ja, 10 Minuten+ können bei Bazzite schon vorkommen — je nach Größe des Updates, Hardware und Internetgeschwindigkeit.

    Das Update läuft nicht wie bei einer klassischen Paket-Distro, wo einzelne Pakete direkt ins laufende System aktualisiert werden. Bei Bazzite wird ein neues Deployment (also ein neuer Systemstand) vorbereitet, das dann nach dem Reboot aktiv ist.

    Dauert manchmal länger, dafür hat man im Gegenzug ein deutlich saubereres Rollback-Konzept, wenn mal etwas schiefgeht.

    Auch das Layern zusätzlicher RPM-Pakete ins Basissystem ist nicht mit einem schnellen "pacman -S paketname" vergleichbar. Dabei wird ebenfalls ein neuer Systemstand vorbereitet, und normalerweise ist danach ein Reboot nötig. Deshalb sollte man bei Bazzite möglichst viel über Flatpak, Distrobox oder andere Userland-Wege lösen und nur wirklich nötige Sachen ins System layern.

    Ich hatte zum Beispiel mal versucht, Hyprland und Noctalia über COPR reinzulayern. Hat zwar funktioniert, aber schön war das nicht. Beim nächsten größeren Versionssprung gab es dann Gemecker vom System, und ich musste den Kram wieder entfernen, damit das Update sauber durchlief. 😅

    Lustiger wird es, wenn man auf ein anderes Bazzite-Image wechselt, zum Beispiel von Bazzite auf Bazzite DX. Das ist dann ein Rebase auf eine andere Image-Variante und kann entsprechend nochmal deutlich länger dauern.

    Was will ich mit meiner Distro machen - und dann eine wählen, die für Dich Sinn macht.

    Und dann ein fröhlicher Linuxer sein! :smiling_face:

    Ich für meinen Teil mag Arch sehr. Und das AUR ist für mich einfach das passende Puzzleteil für dieses System.

    Ich habe Arch auch sehr gern genutzt – na ja, genauer gesagt CachyOS. Dank Snapper war das fast nicht kaputtzukriegen. Wenn mal etwas bricht, regelt Snapper meistens. Natürlich sollte man trotzdem auf Abhängigkeiten, Paketquellen und so weiter achten, aber ganz ehrlich: Das muss man bei jedem Linux-System. Auch bei Mint.

    Für mich persönlich wurden nur irgendwann die dauernden Updates nervig. Und ja, ich weiß: Einmal die Woche aktualisieren reicht vollkommen. Aber sag das mal meinem dämlichen Hirn. Wenn da Updates angezeigt werden, will es die auch machen. Sofort. Weil offenbar irgendwo ein kleiner Paketmanager-Goblin in meinem Kopf wohnt.

    Das ist einer der Gründe, warum ich wieder bei Ubuntu beziehungsweise Kubuntu gelandet bin.

    Natürlich hätte ich genauso gut Fedora oder Debian nehmen können. Sind beides tolle Systeme. Aber wie ich vorhin schon schrieb: Ich mag Bequemlichkeit. Und da ist Ubuntu für mich persönlich einfach weit vorne.

    Und ja, Mint ist auch toll. Wirklich. Aber bei Cinnamon bekomme ich Ausschlag. Das heißt nicht, dass Cinnamon schlecht ist. Es ist nur absolut nichts für mich.

    Natürlich gibt es auch gefühlt tausend andere Derivate auf Debian-, Ubuntu- oder Fedora-Basis, die schon schön vorkonfiguriert sind. Aber genau das ist mir oft zu schwammig. Wer sagt mir, dass sie nächstes Jahr noch existieren? Oder dass die Pflege dauerhaft sauber weitergeht?

    Daher für mich ganz simpel: Ubuntu.

    Tut nicht weh. Macht, was es soll. Wenn mir etwas fehlt, gibt es Snap, Flatpak oder im Zweifel immer noch die Möglichkeit, etwas aus den Quellen zu bauen.

    Unnötiger Post, aber wollte ich mal loswerden. 😅

    Den Aufwand haben sie doch bei jedem "Angriff" und nicht zum ersten mal.

    Und das es manche Treiber eben nur im AUR gibt ist völliger Unsinn. Eine Distro ohne Treiber ist nutzlos.

    Ich glaube, da muss man zwischen reaktiver Arbeit bei einem konkreten Vorfall und dauerhafter Vorabprüfung des gesamten AUR unterscheiden. Bei einem Angriff muss man reagieren, ja — aber jedes Paket dauerhaft zu prüfen, Quellen zu validieren und Maintainer-/Build-Änderungen zu überwachen, wäre ein ganz anderer Daueraufwand.

    Stimmt. Nur die Treiber existieren ja und die "Maintainer" im AUR haben die auch nicht selbst geschrieben. Sondern nur .deb oder .rpm Pakete ins "richtige" Format für Arch gebracht.

    Für meinen Brother Drucker/Scanner gibts beim Hersteller auch die Treiber. Aber eben nur als .deb oder .rpm

    Genau das bestätigt doch eher meinen Punkt. Der Treiber existiert beim Hersteller, aber Arch liefert ihn nicht offiziell aus. Das AUR macht daraus eine praktische Arch-Bauanleitung. Super nützlich, aber eben wieder Community, Eigenverantwortung und nicht dasselbe wie ein offiziell gepflegtes Repo.

    Und warum ist das so? Der Linux-Desktop ist im Vergleich zu Windows/macOS ohnehin schon eher eine Nische. Arch ist innerhalb dieser Nische nochmal deutlich kleiner als Debian, Ubuntu oder Fedora. Für viele Hersteller lohnt sich daher vermutlich schon der direkte Support für Arch nicht.

    Dazu kommen noch Lizenz- und Verteilungsfragen. Nur weil ein Hersteller irgendwo ein .deb oder .rpm anbietet, heißt das nicht automatisch, dass Arch diese Treiber einfach ins offizielle Repo übernehmen darf oder will.

    Genau deshalb ist das AUR so praktisch: Es schließt solche Lücken. Aber es bleibt eben eine Community-Lösung und kein offizielles Komfortversprechen.

    Ich bin nun mal kein Entwickler und möchte Linux nutzen und nicht in irgendwelchem Quellcode nach Auffälligkeiten suchen. Nun den Benutzern den schwarzen Peter zuzuschieben, ist auch nicht die feine Art von Arch Linux. Sie schreiben im Wiki, dass sie das AUR nicht empfehlen, also ist man selbst schuld, wenn man sich die jeweiligen Änderungen in der PKGBUILD nicht vor der Installation von neuen AUR-Paketen oder Updates anschaut und analysiert.

    Ich verstehe den Frust wirklich und will mich da gar nicht rausnehmen. Ich bin selbst eher ein Mensch, der Komfort schätzt.

    Aber ich denke, Arch wollte nie ein möglichst komfortables Linux sein. Arch hat historisch viel mit Eigenverantwortung und Eigenleistung zu tun. Derivate wie EndeavourOS, CachyOS oder Manjaro verwischen diese Wahrnehmung aus meiner Sicht manchmal etwas, weil sie Installation und Einstieg deutlich bequemer machen.

    Das ändert aber nicht automatisch die Grundidee von Arch selbst.

    Und seien wir mal ehrlich:
    Wenn das AUR deutlich stärker geprüft, kuratiert und abgesichert werden würde, wäre es vermutlich nicht mehr das AUR, wie es heute existiert. Dann gäbe es wahrscheinlich weniger Pakete, mehr Bürokratie, eine langsamere Aufnahme neuer Software und einen deutlich höheren Maintainer-Aufwand.

    Klar könnte man Teile davon technisch automatisieren. Aber auch solche Systeme müssen entwickelt, betrieben, gepflegt und überwacht werden. Und am Ende bleibt die Frage: Wer übernimmt dafür dauerhaft die Verantwortung und wer bezahlt diesen Aufwand?

    Aber das ist natürlich nur meine Sicht darauf. Also bitte nicht gleich mit den Paketquellen nach mir werfen. :ac0452:

    Part 2

    Dolphin wusste zu viel

    Dolphin öffnete sich.

    Ein Dateimanager sollte Dateien anzeigen.

    Nicht eigene Entscheidungen treffen.

    Nicht mitten in der Nacht Ordner öffnen, die es nicht geben dürfte.

    Der Pfad lautete:

    Code
    /home/kiru/.local/share/plasma/rituale

    Ich hatte diesen Ordner nie angelegt.

    Zumindest nicht bewusst.

    Das ist bei Linux immer eine gefährliche Einschränkung.

    „Nicht bewusst“ bedeutet:

    Vielleicht war es ein Script.

    Vielleicht war es ein Test.

    Vielleicht war es nachts um halb zwei.

    Vielleicht stand irgendwo „quick fix“ im Kommentar.

    Darin lagen drei Dateien:

    Code
    kwin_invocatio.qml
    breeze_infernum.colors
    README_NICHT_LESEN.md

    Natürlich öffnete ich die README.

    Man kann Linux-Nutzern viel vorwerfen, aber nicht, dass sie Dateien mit „NICHT_LESEN“ im Namen ignorieren könnten.

    Das ist keine Warnung.

    Das ist eine Einladung mit dramatischer Beleuchtung.

    In der Datei stand nur ein Satz:

    Zitat

    Du hast den Singularity-Kernel gebaut. Jetzt leb mit der Singularity.

    Ich schloss Dolphin.

    Dolphin öffnete sich plötzlich wieder.

    Diesmal in:

    Code
    /home/kiru/Mut

    Der Ordner war leer.

    Das war persönlich.

    [hr][/hr]

    Plasma wurde hübsch

    Dann änderte sich das Theme.

    Nicht abrupt.

    Nicht mit einem billigen Horrorfilm-Blitz.

    Langsam.

    Wie eine Wand, auf der Schatten länger werden.

    Die Fensterrahmen wurden dunkler.

    Die Akzentfarbe wechselte zu einem goldenen Ton, der ungefähr aussah wie eine Kathedrale bei Sonnenuntergang.

    Die Icons bekamen einen leichten Schimmer.

    Das Panel wurde transparenter.

    Die abgerundeten Ecken sahen plötzlich perfekt aus.

    In den Systemeinstellungen stand als aktives Design:

    Code
    Breeze Dark Infernum

    Und das Schlimmste war:

    Es sah gut aus.

    Richtig gut.

    Das ist der fieseste Teil an Linux.

    Es reicht nicht, dass etwas kaputtgeht.

    Nein.

    Es muss dabei noch besser aussehen als vorher, damit man kurz überlegt, ob man das nicht vielleicht doch behalten sollte.

    Ich starrte auf den Desktop und dachte:

    Zitat

    Also rein optisch...

    Dann flüsterte der Lautsprecher.

    Ganz leise.

    Kaum mehr als ein Rauschen zwischen zwei Lüfterumdrehungen.

    Code
    Manere.

    Bleib.

    Ich stand auf.

    Nicht hektisch.

    Hektik wäre Schwäche gewesen.

    Ich stand langsam auf, so wie man in Horrorfilmen aufsteht, wenn man endlich verstanden hat, dass der Keller kein gutes Versteck ist.

    Der Desktop blieb ruhig.

    Das Panel glänzte.

    Die Uhr zeigte weiterhin:

    [code]XXIII:XXVII

    Ich wusste nicht, ob die Zeit weiterlief oder nur so tat.

    Beides war schlecht.

    [hr][/hr]

    Der Exorzismus

    Ich setzte mich wieder hin.

    Denn ich bin Linux-Nutzer.

    Wir fliehen nicht sofort.

    Wir versuchen vorher mindestens drei unsinnige Befehle.

    Ich tippte:

    Code
    sudo apt install plasma-exorcism

    APT dachte kurz nach.

    Dann antwortete es:

    Code
    Paket plasma-exorcism konnte nicht gefunden werden.
    Vielleicht möchten Sie installieren:
    kubuntu-desktop
    libreoffice-l10n-la

    Lateinisches Sprachpaket.

    Sehr witzig.

    Ich versuchte es mit:

    Code
    sudo systemctl stop plasma-daemonium.service

    Die Antwort kam sofort:

    Code
    Unit plasma-daemonium.service not found.
    It is not a service.
    It is a mood.

    Ich hätte lachen können.

    Ich hätte auch weinen können.

    Ich entschied mich für das, was Linux-Menschen in solchen Situationen tun:

    Ich öffnete noch mehr Logs.

    Das war wahrscheinlich der dritte Fehler.

    Oder der vierte.

    Man verliert irgendwann den Überblick.

    Vor allem, wenn die Desktopumgebung anfängt, wie ein verfluchtes Klosterarchiv zu wirken.

    Ich tippte:

    Code
    dmesg | grep -i infernum

    Das Terminal dachte einen Moment nach.

    Dann kam:

    Code
    [ 666.000000] KDE: user ignored multiple warnings
    [ 666.000001] kernel: curiosity level critical
    [ 666.000002] coffee: insufficient
    [ 666.000003] common_sense: module not loaded

    Das war Rufmord.

    Technisch nicht komplett falsch.

    Aber Rufmord.

    [hr][/hr]

    Snapper

    Snapper meldete sich.

    Nicht als Fenster.

    Nicht als Benachrichtigung.

    Sondern als kurzer Text im Terminal:

    Code
    snapshot created: ante_peccatum

    Vor der Sünde.

    Ich fand das unfair.

    Ich hatte keine Sünde begangen.

    Ich hatte nur morgens vor der Spätschicht einen selbstgebauten Kernel kompiliert, ihn nach Feierabend installiert und dann trotz römischer Uhr weiter debuggt.

    Okay.

    Vielleicht hatte Snapper einen Punkt.

    Dann erschien ein zweiter Snapshot:

    Code
    snapshot created: post_stultitiam

    Nach der Dummheit.

    Ich schloss das Terminal.

    Man muss nicht jede Meinung des Systems lesen.

    Auf dem Desktop erschien kurz ein neues Symbol.

    Nur für einen Moment.

    Es sah aus wie ein Papierkorb.

    Darunter stand:

    Code
    Hoffnung

    Dann verschwand es wieder.

    Ich tat so, als hätte ich es nicht gesehen.

    Das ist eine bewährte Troubleshooting-Strategie.

    Nicht gut.

    Aber bewährt.

    [hr][/hr]

    Der Fluchtversuch

    Ich rebootete.

    Nicht stolz.

    Nicht elegant.

    Eher wie jemand, der bei einem dämonischen Dateimanager beschlossen hat, dass Neugier vielleicht doch keine gute Charaktereigenschaft ist.

    Der Bildschirm wurde schwarz.

    Für einen Moment war nur der Lüfter zu hören.

    Dann erschien GRUB.

    Der alte Kernel stand dort.

    Ruhig.

    Normal.

    Ein Eintrag wie eine geöffnete Tür in ein beleuchtetes Treppenhaus.

    Der neue Kernel stand darüber.

    Code
    Ubuntu, mit Linux 7.1-kiru-singularity-x7.1.0-bore

    Er sah nicht aus wie ein Text.

    Er sah aus wie ein Versprechen, das man nicht hätte geben sollen.

    Ich bewegte den Cursor nach unten zum alten Kernel.

    Der Bildschirm flackerte.

    Der Cursor sprang wieder nach oben.

    Ich bewegte ihn erneut.

    Wieder flackerte es.

    Unten am Rand erschien eine Zeile:

    Code
    Non relinques me.

    Ich kann kein Latein.

    Aber ich verstand es trotzdem.

    Du verlässt mich nicht.

    Doch.

    Tat ich.

    Einseitige Beziehungen sind halt einfach nicht mein Ding.

    Ich hielt die Pfeiltaste gedrückt, erreichte den alten Kernel und drückte Enter.

    Der Bildschirm wurde schwarz.

    Ganz leise, kaum hörbar, kam aus den Lautsprechern:

    Zitat

    Kiru… ich komme wieder!!!!!

    Ich riss den Kopfhörer ab.

    Das war natürlich Einbildung.

    Hoffentlich.

    [hr][/hr]

    Der alte Kernel

    Der alte Kernel bootete.

    SDDM erschien.

    KDE Plasma lud.

    Alles war normal.

    Fast zu normal.

    Die Uhr zeigte wieder:

    Code
    23:44

    Keine römischen Zahlen.

    Keine lateinischen Benachrichtigungen.

    Dolphin öffnete mein Home-Verzeichnis.

    Ghostty blieb leer.

    KRunner tat so, als hätte es nie versucht, einen dämonischen Systemdienst zu aktivieren.

    Ich atmete aus.

    Dieses Ausatmen war nicht elegant.

    Eher so ein:

    Zitat

    Ich bin erwachsen und hatte eben Angst vor einem Panel.

    Dann öffnete ich die Systemeinstellungen.

    Nur zur Kontrolle.

    Breeze Dark war aktiv.

    Alles sah aus wie vorher.

    Fast.

    In der Liste der zuletzt verwendeten Designs stand ganz unten:

    Code
    Breeze Dark Infernum

    Ich löschte den Eintrag nicht.

    Ich wollte ihn nicht anfassen.

    Manche Dinge löscht man nicht.

    Manche Dinge lässt man liegen, weil man nicht weiß, ob sie dann beleidigt sind.

    Stattdessen öffnete ich das Terminal.

    Diesmal freiwillig.

    Ich wusste, was zu tun war.

    [hr][/hr]

    Die Löschung

    Der neue Kernel musste weg.

    Nicht später.

    Nicht morgen.

    Nicht „ich teste nochmal kurz“.

    Weg!

    Ich suchte die installierten Kernelpakete.

    Meine Finger zitterten nicht.

    Na ja, ein bisschen vielleicht.

    Aber das lag am Kaffee.

    Wahrscheinlich.

    Dann entfernte ich ihn.

    Code
    sudo apt remove linux-image-7.1-kiru-singularity-x7.1.0-bore

    APT fragte, ob ich fortfahren wolle.

    Zum ersten Mal an diesem Abend klang eine Frage vernünftig.

    Ich bestätigte.

    Die Pakete wurden entfernt.

    GRUB wurde aktualisiert.

    initramfs räumte auf.

    Der Terminalcursor blinkte.

    Einmal.

    Zweimal.

    Dann erschien eine letzte Zeile.

    Nicht rot.

    Nicht fett.

    Nur normaler Text.

    Code
    Entferne 7.1-kiru-singularity-x7.1.0-bore ...

    Danach war es still.

    Richtig still.

    Nicht wartend.

    Nicht lauernd.

    Einfach still.

    Ich startete neu.

    GRUB erschien.

    Der neue Kernel war verschwunden.

    Nur der alte Ubuntu-Kernel blieb.

    Langweilig.

    Stabil.

    Wunderschön langweilig.

    KDE startete.

    Keine lateinische Uhr.

    Kein Infernum-Theme.

    Kein Ordner namens Rituale.

    Ich öffnete Dolphin.

    Mein Home-Verzeichnis.

    Ganz normal.

    Ich öffnete Ghostty.

    Leeres Terminal.

    Ich tippte:

    Code
    journalctl -b -p 3

    Keine Dämonen.

    Keine lateinischen Fragen.

    Nur normale Linux-Fehler.

    Die guten.

    Die ehrlichen.

    Die, bei denen man wenigstens weiß, dass irgendein Dienst beleidigt ist und nicht die halbe Benutzeroberfläche einen Exorzismus braucht.

    Für einen kurzen Moment war ich fast dankbar für gewöhnliche Fehlermeldungen.

    Das ist auch so ein Linux-Ding.

    Irgendwann freut man sich über normale kaputte Dinge.

    Weil sie wenigstens nicht Latein sprechen.

    [hr][/hr]

    Nachwort

    Natürlich ist diese Geschichte frei erfunden.

    KDE Plasma flüstert nicht Latein, nur weil man morgens vor der Spätschicht einen selbstgebauten Kernel baut und ihn nach Feierabend installiert.

    Wahrscheinlich.

    Aber manchmal fühlt sich Linux genau so an.

    Man baut etwas.

    Man weiß nicht genau, ob man gerade ein Werkzeug erschaffen hat oder eine Tür.

    Man bootet.

    Man hofft.

    Man hört auf die Lüfter.

    Und irgendwo zwischen

    Code
    uname -r

    ,

    Code
    journalctl

    und der Frage, warum der Desktop plötzlich besser aussieht als vorher, merkt man:

    Vielleicht war der alte Kernel gar nicht langweilig.

    Vielleicht war er einfach nur nicht besessen.

    Und manchmal ist das genug.

    Ich werde natürlich nie wieder morgens vor der Spätschicht einen eigenen Kernel bauen und ihn nach Feierabend testen.

    Das wäre unvernünftig.

    Unnötig.

    Gefährlich.

    Völlig vermeidbar.

    Also vermutlich irgendwann nächste Woche.

    -------

    Die Idee kam mir gestern Abend, nachdem ich den Kernel installiert hatte, den ich morgens kompilierte, und irgendwie enttäuscht war, dass alles reibungslos funktionierte.

    Was meint ihr dazu? Gehört sowas überhaupt hier ins Forum, oder ist das eher „Kiru hat wieder zu viel Kaffee und Linux im Kopf gehabt“? 😄

    Part 1

    Eine Geschichte darüber, wie Kiru sich morgens seinen eigenen Linux-7.1.0-BORE-Kernel kompiliert

    Und ganz ehrlich?

    Ich hätte es morgens lassen sollen.

    Das weiß man bei solchen Geschichten natürlich immer erst hinterher.

    Vorher sitzt man da, mit Kaffee neben der Tastatur, noch halb im Schlaf und halb in diesem gefährlichen Zustand, in dem Linux-Ideen plötzlich vernünftig wirken.

    Draußen war es hell.

    Ich musste später zur Spätschicht.

    Eigentlich hätte ich also normale Dinge tun sollen.

    Frühstücken.

    Duschen.

    Vielleicht kurz aus dem Fenster schauen und so tun, als wäre ich ein funktionierender Mensch mit Alltagskompetenz und einem stabilen Verhältnis zu Bootloadern.

    Stattdessen baute ich einen Kernel.

    Nicht irgendeinen Kernel.

    Nein.

    Wenn schon fragwürdige Entscheidungen, dann bitte mit einem Namen, der klingt wie ein verbotenes Artefakt aus einem fragwürdigen Mecha-Anime:

    Code
    7.1-kiru-singularity-x7.1.0-bore

    BORE-getrimmt.

    Desktop-getrimmt.

    Kiru-getrimmt.

    Also wahrscheinlich irgendwo zwischen „optimiert“ und „ich habe Dinge angefasst, von denen ich absolut keine Ahnung habe“.

    Der Build lief durch.

    Einfach so.

    Keine Fehler.

    Keine roten Warnungen.

    Kein C-Code, der aus der Tiefe des Terminals schrie.

    Kein Compiler, der mir mit 400 Zeilen Fehlermeldung erklärte, dass ich als Mensch versagt habe.

    Nur ein sauber gebauter Kernel, der am Ende in meinem System lag wie ein schwarzer magischer Stein auf einem Altar.

    Ein Paket aus Macht.

    Hybris.

    Und sehr schlechtem Timing.

    Ich sah auf die Uhr.

    Ich musste los.

    Also sagte ich zu mir:

    Zitat

    Den teste ich heute Abend nach der Arbeit.

    Das war der Satz.

    Der Satz, bei dem in einem Horrorfilm die Musik lauter wird.

    Der Satz, nach dem irgendwo im Haus eine Tür zufällt, obwohl alle Fenster zu sind.

    Der Satz, bei dem erfahrene Zuschauer bereits die Decke enger ziehen und murmeln:

    Zitat

    Junge, nein.

    Aber ich hörte sie nicht.

    Ich musste zur Arbeit.

    Der Kernel blieb zurück.

    Allein.

    Im System.

    Wartend.

    [hr][/hr]

    Die Heimkehr

    Nach der Spätschicht kam ich nach Hause.

    Der Tag hatte mich weichgekaut und ausgespuckt. Ich war müde, hungrig und geistig ungefähr auf dem Niveau eines USB-Sticks, der zu oft ohne Auswerfen abgezogen wurde.

    Meine Schuhe machten dieses matte Geräusch im Flur, das nur Arbeitsschuhe nach einem zu langen Tag machen.

    Dumpf.

    Schwer.

    Vorwurfsvoll.

    Der Rechner stand im Wohnzimmer.

    Ausgeschaltet.

    Still.

    Zu still.

    Nicht dieses normale „Computer ist aus“-still.

    Eher dieses „ich habe den ganzen Tag auf dich gewartet“-still.

    Ich setzte mich hin.

    Der Stuhl knarrte.

    Der Monitor blieb schwarz.

    Für einen kurzen Moment dachte ich, ich sollte es lassen.

    Einfach essen.

    Anime anmachen.

    Gehirn auf Energiesparmodus schalten.

    Den Kernel morgen testen, bei Tageslicht, mit mehr Kaffee und weniger emotionaler Restlaufzeit.

    Das wäre vernünftig gewesen.

    Aber Vernunft ist bei meinen Linux-Projekten oft nur ein Prozess, der im Hintergrund läuft und irgendwann gewaltsam beendet wird.

    Dann hörte ich diese kleine Stimme im Kopf.

    Nicht dämonisch.

    Schlimmer.

    Linux-neugierig.

    Zitat

    Nur kurz booten. Was soll schon passieren?

    Ich hasse diesen Satz.

    Er klingt harmlos.

    Er klingt nach Kontrolle.

    Er klingt nach „ich weiß, was ich tue“.

    In Wahrheit ist er das geistige Äquivalent von barfuß in den Keller gehen, weil man „nur kurz nach dem Geräusch schauen“ will.

    Ich schaltete den Rechner ein.

    [hr][/hr]

    GRUB

    GRUB erschien.

    Normalerweise ist GRUB ein Bootmenü.

    Ein sachliches Ding.

    Schwarz.

    Weiß.

    Nüchtern.

    So eine Art Empfangstresen zwischen Mensch und Betriebssystem.

    An diesem Abend sah es aus wie eine Tür.

    Schwarz.

    Still.

    Mit weißen Buchstaben, die nicht angezeigt wurden, sondern irgendwie warteten.

    Da stand er.

    Code
    Ubuntu, mit Linux 7.1-kiru-singularity-x7.1.0-bore

    Darunter der alte Kernel.

    Verlässlich.

    Langweilig.

    Lebensrettend.

    Ein digitaler Wollpulli.

    Ein Kernel, der niemanden beeindrucken wollte und genau deshalb vermutlich der bessere Mensch von uns beiden war.

    Ich hätte ihn wählen können.

    Ich hätte wirklich einfach den alten Kernel wählen können.

    Einmal Pfeiltaste runter.

    Enter.

    Frieden.

    Sofa.

    Vielleicht ein Anime.

    Vielleicht sogar innere Ruhe.

    Aber nein.

    Ich bewegte den Cursor nach oben.

    Der neue Kernel wurde markiert.

    Für einen Moment flackerte der Bildschirm.

    Nur ganz kurz.

    So kurz, dass man sich einreden konnte, es sei nichts gewesen.

    Das machen Bildschirme gern, wenn sie später vor Gericht nicht aussagen wollen.

    Ich drückte Enter.

    Der Bildschirm wurde schwarz.

    Der Rechner atmete ein.

    Oder der Lüfter drehte hoch.

    Ich entscheide mich bis heute für die erste Version.

    [hr][/hr]

    Der erste Start

    Der Bootvorgang war sauber.

    Zu sauber.

    Keine Kernel Panic.

    Kein hängender Cursor.

    Kein NVIDIA-DKMS, das in Tränen ausbrach.

    Keine Fehlermeldung, bei der man sofort weiß, dass man jetzt eine Stunde in Foren aus dem Jahr 2016 verbringt, wo jemand am Ende schreibt:

    Zitat

    Hab’s gelöst.

    Und dann nie erklärt, wie.

    Nein.

    Alles lief.

    Der Bildschirm blieb ruhig.

    Die Zeilen zogen vorbei.

    Nichts brannte.

    Nichts schrie.

    Nichts explodierte.

    Das war verdächtig.

    Linux darf funktionieren.

    Aber wenn Linux nach einem selbstgebauten Kernel von Kiru zu sauber funktioniert, dann ist das kein Erfolg.

    Das ist in erster Linie sehr, sehr verdächtig!

    SDDM erschien.

    Ruhig.

    Normal.

    Fast höflich.

    Ich gab mein Passwort ein.

    KDE Plasma lud.

    Mein Wallpaper erschien.

    Die Taskleiste war da.

    Dolphin wartete im Panel.

    Ghostty auch.

    Alles sah aus wie immer.

    Und genau deshalb war es falsch.

    Ich saß da und starrte auf meinen Desktop.

    Es ist schwer zu erklären, aber manchmal merkt man, dass ein System nicht kaputt ist.

    Sondern wach.

    Nicht im Sinne von „läuft“.

    Mehr im Sinne von:

    Zitat

    Es hat dich bemerkt.

    Die Uhr unten rechts zeigte:

    Code
    23:18

    Dann flackerte sie.

    Nur einmal.

    Danach stand dort:

    [code]XXIII:XVIII

    Römische Zahlen.

    Ich sagte laut:

    Zitat

    WTF!?

    Der Desktop antwortete nicht.

    Das machte es nicht besser.

    [hr][/hr]

    Die Benachrichtigung

    Unten rechts erschien eine Plasma-Benachrichtigung.

    So eine ganz normale kleine Meldung.

    Abgerundete Ecken.

    Dunkles Theme.

    Hübsch genug, um gefährlich zu sein.

    Darin stand:

    Code
    Compositor evigilavit.

    Ich kann kein Latein.

    Aber ich habe genug Horrorfilme gesehen, um zu wissen:

    Wenn ein Gerät in einer toten Sprache sagt, dass etwas erwacht ist, sollte man nicht erst die Grammatik prüfen.

    Ich bewegte die Maus.

    Der Cursor bewegte sich nicht sofort.

    Er zögerte.

    Nur einen Hauch.

    Als hätte er Angst, als Erster über den Bildschirm zu gehen.

    Dann öffnete sich KRunner.

    Von selbst.

    Oben in der Mitte.

    Das kleine Suchfeld war leer.

    Dann erschienen Buchstaben.

    Langsam.

    Als würde jemand tippen.

    Code
    journalctl -b -p 3

    Ich hatte nichts gedrückt.

    KRunner wollte, dass ich nachschaue.

    Das ist nie ein gutes Zeichen.

    Es gibt Dinge, die sollen nicht von selbst passieren.

    Türen sollen nicht von selbst aufgehen.

    Puppen sollen nicht von selbst den Kopf drehen.

    Und KRunner soll nicht von selbst Diagnosebefehle vorschlagen.

    Das sind Grundregeln des Zusammenlebens.

    [hr][/hr]

    Die Logs

    Ghostty öffnete sich.

    Ebenfalls von selbst.

    Ich hatte mir irgendwann ein modernes Terminal installiert, weil es schön aussieht.

    Dass es eines Tages als Ouija-Brett für meinen Kernel dienen würde, stand nicht in der Beschreibung.

    Der Befehl lief.

    Die Ausgabe kam sofort.

    Code
    kwin: compositor daemonium evigilavit
    plasmashell: panelis animam invenit
    dolphin: piscis memoriam habet
    kernel: kiru quid fecisti
    snapper: sero est

    Ich verstand nicht alles.

    Aber ich verstand genug.

    Code
    kiru quid fecisti

    Kiru, was hast du getan?

    Eine faire Frage.

    Eine Frage, die bei Linux eigentlich öfter automatisch eingeblendet werden sollte.

    Vielleicht direkt nach jedem:

    Code
    sudo make install

    Oder nach jedem Satz, der mit „ich teste nur kurz“ beginnt.

    Ich wollte Ghostty schließen.

    Das Fenster blieb offen.

    Der Cursor blinkte.

    Einmal.

    Zweimal.

    Dann schrieb sich eine neue Zeile:

    Code
    sudo systemctl enable plasma-daemonium.service

    Ich drückte sofort Ctrl + C.

    Das Terminal antwortete:

    Code
    Operation abgebrochen.
    Grund: Mensch noch teilweise zurechnungsfähig.

    Unverschämt.

    Als ob ich jemals zurechnungsfähig wäre.

    Tz.

    Ich starrte auf die Zeile.

    Mein Gehirn versuchte gleichzeitig drei Dinge:

    Rational bleiben.

    Nicht lachen.

    Nicht prüfen, ob es diesen Dienst vielleicht wirklich irgendwo gibt.

    Letzteres war die gefährlichste Option.

    Denn Linux-Nutzer sind keine normalen Menschen.

    Wenn irgendwo steht:

    Code
    plasma-daemonium.service

    dann denkt ein normaler Mensch:

    Zitat

    Das ist erfunden.

    Ein Linux-Mensch denkt:

    Zitat

    Moment, vielleicht liegt da eine Unit-Datei.

    Und genau dieser kleine Unterschied ist der Grund, warum wir als Spezies nie wirklich frei sein werden.

    Danke Dir für Deinen ausführlichen Einblick! :smiling_face: Grade das Thema Workflow fand ich spannend, darum danke für Deinen Einblick.

    Das heißt, dass KDE für Deinen Workflow mehr Sinn macht, richtig? Also doch das "klassische" Fenstermanagement mit "Einschnappen"?

    Gern doch. Und jain. 😄

    KDE ergibt für meinen Workflow aktuell mehr Sinn, aber nicht unbedingt wegen klassischem Fenstermanagement mit Einschnappen. Was ich an KDE wirklich stark finde, sind die Aktivitäten.

    So komisch es klingt: Diese Aktivitätsräume bändigen ein wenig das Chaos in meinem Kopf. Ich kann mir zum Beispiel eine Aktivität fürs Schreiben anlegen, und dort sind dann in der Taskleiste auch wirklich nur die Programme sichtbar, die ich fürs Schreiben brauche. Das hilft mir, gedanklich in diesem Bereich zu bleiben.

    Ein klassischer Fensterschubser bin ich dadurch aber trotzdem nicht geworden. Ich habe mir ein KWin-Script gebaut, das das Dwindle-Verhalten von Hyprland weitestgehend nachahmt. Also eher KDE als ruhige Basis, aber mit einem Workflow, der trotzdem stark in Richtung Tiling geht.

    Und genau diese Idee möchte ich langfristig auch in mein eigenes Hyprland- + Noctalia-Setup für Ubuntu einbauen. Also quasi Hyprland/Noctalia, aber mit einer Art Aktivitätsraum-Logik. Das braucht nur noch etwas Zeit. 😄

    Ich gebe Dir da auch recht. Aber ich bin halt so, ich erkenne Muster, und hier sehe ich den Zaunphal deutlich winken :1f604:.

    Ja, das kenne ich leider zu gut. Solche Muster erkennt man irgendwann einfach, und genau deswegen verstehe ich deine Sorge auch nur allzu gut.

    Ich versuche nur, das Ganze mit etwas Abstand zu betrachten. Also nicht naiv nach dem Motto „Microsoft meint es bestimmt nur gut“, aber auch nicht sofort mit gezücktem Lichtschwert in den Rebellenmodus zu wechseln. :face_with_tears_of_joy:

    Was mich aber auch fasziniert, warum will ich immer zu Arch zurück? Wobei ich sagen muss, eigentlich will ich ja sogar zu Gentoo zurück. Wobei ich ja jetzt wenn dann nur mal eine Distribution in qemu rein werfe. Wirklich gewechselt habe ich seit dem Umstieg von Gentoo zu Arch eigentlich ja nicht mehr.

    Ich denke, das ist vielleicht auch ein Stück weit Nostalgie.

    Du kennst Gentoo, und es hat dich wahrscheinlich ziemlich lange begleitet, bis du irgendwann zu Arch gewechselt bist. Solche Systeme bleiben einem ja irgendwie im Kopf hängen, gerade wenn man damit viel gelernt oder viel Zeit verbracht hat.

    Meiner Meinung nach haben Gentoo und Arch auch einige Gemeinsamkeiten, die einen bestimmten Nutzertyp ansprechen: Kontrolle über das System, Nähe zum Upstream, Aktualität und dieses Gefühl, von Anfang an selbst zu bestimmen, was das System sein soll und was überhaupt draufkommt.

    Natürlich nicht auf exakt die gleiche Art und Weise. Gentoo einfach mit Arch gleichzusetzen, wäre Gentoo gegenüber unfair. Gentoo geht da nochmal deutlich tiefer. Aber beide geben einem eben dieses Gefühl von: „Das ist nicht einfach nur installiert, das ist mein System.“

    Und vielleicht ist genau das der Punkt. Man will gar nicht zwingend dauerhaft zurück, sondern erinnert sich an dieses Gefühl.

    Was ich mit Nostalgie meine: Ich habe zum Beispiel mit Xubuntu/Ubuntu angefangen und fühle mich auf solchen Systemen irgendwie sofort heimisch. Nicht unbedingt, weil sie objektiv immer die beste Wahl sind, sondern weil sie sich vertraut anfühlen.

    Aber vielleicht ist das auch nur meine verquirlte Sichtweise auf Systeme. 😄

    Da bin ich gar nicht so weit von dir weg. Die Alarmglocken verstehe ich absolut, gerade bei Microsoft. Wer deren Geschichte kennt, sollte nicht plötzlich so tun, als wäre das jetzt der freundliche Nachbar mit selbstgebackenem Kuchen. 😄

    Und danke dir, der Sith-Admin musste einfach raus. Bei Microsoft und Todesstern lag der Ball aber auch gefährlich nah vorm leeren Tor. 😄

    Deinen Punkt mit „gelobt, gekauft, zerstückelt, verkauft“ verstehe ich auch. Genau solche Muster gab es oft genug, und bei großen Konzernen sollte man nie so tun, als würden die aus reiner Menschenfreundlichkeit handeln. Die denken langfristig, da gebe ich dir völlig recht.

    Auch bei der Bequemlichkeit bin ich bei dir. Das ist wahrscheinlich sogar der gefährlichste Teil. Wenn etwas unter Windows, WSL, Azure, Containern und mit Microsoft-Support bequem funktioniert, dann greifen viele Firmen irgendwann genau dazu. Nicht, weil es ideologisch überzeugt, sondern weil es einfach weniger Diskussionen macht.

    Wo ich nur noch etwas vorsichtig wäre, ist der Schritt von „Microsoft verdrängt Konkurrenz im eigenen Azure-Kosmos“ zu „Adios Open Source“. Ersteres kann ich mir durchaus vorstellen. Stück für Stück, über Standards, Support, Integration und Bequemlichkeit. Da arbeitet dann nicht der Todesstern-Laser, sondern eher der Traktorstrahl. 😄

    Aber Open Source als Ganzes ist für mich breiter aufgestellt. Das ist keine einzelne Firma, die man kaufen und zerlegen kann, sondern ein riesiges Ökosystem aus Communitys, Firmen, Lizenzen und Projekten.

    Vielleicht übersehe ich da aber auch etwas oder mir ist ein bestimmter Punkt nicht bewusst. In dem Fall lasse ich mich gerne eines Besseren belehren.

    Also ja: Im Microsoft-eigenen Cloud-Kosmos kann Azure Linux durchaus zu einem kleinen Todesstern werden. Da bin ich bei dir. Nur die ganze Open-Source-Galaxie sehe ich dadurch noch nicht fallen.

    Oder anders gesagt: Die Sith bauen sicher am Imperium. Aber die Jedi sind nicht nur ein einzelner Verein mit Postanschrift. 😄

    Der Titel „Der erste Angriff vom Todesstern“ ist schon ziemlich cool. 😄 Er klingt dramatischer als das Thema technisch erstmal ist, im Kern wirkt es auf mich eher so: Microsoft hat bei Azure einfach seine Hausaufgaben gemacht.

    Die Bauchschmerzen verstehe ich trotzdem. Microsoft und „offene Systeme“ ist historisch jetzt nicht gerade eine Liebesgeschichte mit Geigenmusik. Da denkt man schnell an Kundenbindung, Kontrolle, Ökosystem und am Ende sitzt der Pinguin vielleicht mit Teams-Account im Wartezimmer. 😄

    Aber bei großen Cloud-Anbietern ist sowas ziemlich normal. Microsoft hat Azure Linux, Amazon hat Amazon Linux, Google hat Container-Optimized OS. Die bauen sich passende Unterbauten, um Support, Sicherheit, Updates und eigene Workloads besser kontrollieren zu können.

    Andere Distributionen verschwinden dadurch ja nicht aus Azure. Und für normale Desktop-Anwender ist das erstmal sowieso irrelevant. Na ja, jedenfalls würde ich als Privatperson keinen Cloudserver bei Microsoft mieten, aber vielleicht bin ich auch einfach nur ein armer Schlucker. 😅

    Also ja, bei Microsoft sollte man natürlich hinschauen. Aber nur „Microsoft + Linux“ reicht mir noch nicht für Todesstern-Alarm. Dafür brauche ich mindestens einen roten Laser und einen schlecht gelaunten Sith-Admin. 😄