Part 1
Eine Geschichte darüber, wie Kiru sich morgens seinen eigenen Linux-7.1.0-BORE-Kernel kompiliert
Und ganz ehrlich?
Ich hätte es morgens lassen sollen.
Das weiß man bei solchen Geschichten natürlich immer erst hinterher.
Vorher sitzt man da, mit Kaffee neben der Tastatur, noch halb im Schlaf und halb in diesem gefährlichen Zustand, in dem Linux-Ideen plötzlich vernünftig wirken.
Draußen war es hell.
Ich musste später zur Spätschicht.
Eigentlich hätte ich also normale Dinge tun sollen.
Frühstücken.
Duschen.
Vielleicht kurz aus dem Fenster schauen und so tun, als wäre ich ein funktionierender Mensch mit Alltagskompetenz und einem stabilen Verhältnis zu Bootloadern.
Stattdessen baute ich einen Kernel.
Nicht irgendeinen Kernel.
Nein.
Wenn schon fragwürdige Entscheidungen, dann bitte mit einem Namen, der klingt wie ein verbotenes Artefakt aus einem fragwürdigen Mecha-Anime:
BORE-getrimmt.
Desktop-getrimmt.
Kiru-getrimmt.
Also wahrscheinlich irgendwo zwischen „optimiert“ und „ich habe Dinge angefasst, von denen ich absolut keine Ahnung habe“.
Der Build lief durch.
Einfach so.
Keine Fehler.
Keine roten Warnungen.
Kein C-Code, der aus der Tiefe des Terminals schrie.
Kein Compiler, der mir mit 400 Zeilen Fehlermeldung erklärte, dass ich als Mensch versagt habe.
Nur ein sauber gebauter Kernel, der am Ende in meinem System lag wie ein schwarzer magischer Stein auf einem Altar.
Ein Paket aus Macht.
Hybris.
Und sehr schlechtem Timing.
Ich sah auf die Uhr.
Ich musste los.
Also sagte ich zu mir:
ZitatDen teste ich heute Abend nach der Arbeit.
Das war der Satz.
Der Satz, bei dem in einem Horrorfilm die Musik lauter wird.
Der Satz, nach dem irgendwo im Haus eine Tür zufällt, obwohl alle Fenster zu sind.
Der Satz, bei dem erfahrene Zuschauer bereits die Decke enger ziehen und murmeln:
ZitatJunge, nein.
Aber ich hörte sie nicht.
Ich musste zur Arbeit.
Der Kernel blieb zurück.
Allein.
Im System.
Wartend.
[hr][/hr]
Die Heimkehr
Nach der Spätschicht kam ich nach Hause.
Der Tag hatte mich weichgekaut und ausgespuckt. Ich war müde, hungrig und geistig ungefähr auf dem Niveau eines USB-Sticks, der zu oft ohne Auswerfen abgezogen wurde.
Meine Schuhe machten dieses matte Geräusch im Flur, das nur Arbeitsschuhe nach einem zu langen Tag machen.
Dumpf.
Schwer.
Vorwurfsvoll.
Der Rechner stand im Wohnzimmer.
Ausgeschaltet.
Still.
Zu still.
Nicht dieses normale „Computer ist aus“-still.
Eher dieses „ich habe den ganzen Tag auf dich gewartet“-still.
Ich setzte mich hin.
Der Stuhl knarrte.
Der Monitor blieb schwarz.
Für einen kurzen Moment dachte ich, ich sollte es lassen.
Einfach essen.
Anime anmachen.
Gehirn auf Energiesparmodus schalten.
Den Kernel morgen testen, bei Tageslicht, mit mehr Kaffee und weniger emotionaler Restlaufzeit.
Das wäre vernünftig gewesen.
Aber Vernunft ist bei meinen Linux-Projekten oft nur ein Prozess, der im Hintergrund läuft und irgendwann gewaltsam beendet wird.
Dann hörte ich diese kleine Stimme im Kopf.
Nicht dämonisch.
Schlimmer.
Linux-neugierig.
ZitatNur kurz booten. Was soll schon passieren?
Ich hasse diesen Satz.
Er klingt harmlos.
Er klingt nach Kontrolle.
Er klingt nach „ich weiß, was ich tue“.
In Wahrheit ist er das geistige Äquivalent von barfuß in den Keller gehen, weil man „nur kurz nach dem Geräusch schauen“ will.
Ich schaltete den Rechner ein.
[hr][/hr]
GRUB
GRUB erschien.
Normalerweise ist GRUB ein Bootmenü.
Ein sachliches Ding.
Schwarz.
Weiß.
Nüchtern.
So eine Art Empfangstresen zwischen Mensch und Betriebssystem.
An diesem Abend sah es aus wie eine Tür.
Schwarz.
Still.
Mit weißen Buchstaben, die nicht angezeigt wurden, sondern irgendwie warteten.
Da stand er.
Darunter der alte Kernel.
Verlässlich.
Langweilig.
Lebensrettend.
Ein digitaler Wollpulli.
Ein Kernel, der niemanden beeindrucken wollte und genau deshalb vermutlich der bessere Mensch von uns beiden war.
Ich hätte ihn wählen können.
Ich hätte wirklich einfach den alten Kernel wählen können.
Einmal Pfeiltaste runter.
Enter.
Frieden.
Sofa.
Vielleicht ein Anime.
Vielleicht sogar innere Ruhe.
Aber nein.
Ich bewegte den Cursor nach oben.
Der neue Kernel wurde markiert.
Für einen Moment flackerte der Bildschirm.
Nur ganz kurz.
So kurz, dass man sich einreden konnte, es sei nichts gewesen.
Das machen Bildschirme gern, wenn sie später vor Gericht nicht aussagen wollen.
Ich drückte Enter.
Der Bildschirm wurde schwarz.
Der Rechner atmete ein.
Oder der Lüfter drehte hoch.
Ich entscheide mich bis heute für die erste Version.
[hr][/hr]
Der erste Start
Der Bootvorgang war sauber.
Zu sauber.
Keine Kernel Panic.
Kein hängender Cursor.
Kein NVIDIA-DKMS, das in Tränen ausbrach.
Keine Fehlermeldung, bei der man sofort weiß, dass man jetzt eine Stunde in Foren aus dem Jahr 2016 verbringt, wo jemand am Ende schreibt:
ZitatHab’s gelöst.
Und dann nie erklärt, wie.
Nein.
Alles lief.
Der Bildschirm blieb ruhig.
Die Zeilen zogen vorbei.
Nichts brannte.
Nichts schrie.
Nichts explodierte.
Das war verdächtig.
Linux darf funktionieren.
Aber wenn Linux nach einem selbstgebauten Kernel von Kiru zu sauber funktioniert, dann ist das kein Erfolg.
Das ist in erster Linie sehr, sehr verdächtig!
SDDM erschien.
Ruhig.
Normal.
Fast höflich.
Ich gab mein Passwort ein.
KDE Plasma lud.
Mein Wallpaper erschien.
Die Taskleiste war da.
Dolphin wartete im Panel.
Ghostty auch.
Alles sah aus wie immer.
Und genau deshalb war es falsch.
Ich saß da und starrte auf meinen Desktop.
Es ist schwer zu erklären, aber manchmal merkt man, dass ein System nicht kaputt ist.
Sondern wach.
Nicht im Sinne von „läuft“.
Mehr im Sinne von:
ZitatEs hat dich bemerkt.
Die Uhr unten rechts zeigte:
Dann flackerte sie.
Nur einmal.
Danach stand dort:
[code]XXIII:XVIII
Römische Zahlen.
Ich sagte laut:
ZitatWTF!?
Der Desktop antwortete nicht.
Das machte es nicht besser.
[hr][/hr]
Die Benachrichtigung
Unten rechts erschien eine Plasma-Benachrichtigung.
So eine ganz normale kleine Meldung.
Abgerundete Ecken.
Dunkles Theme.
Hübsch genug, um gefährlich zu sein.
Darin stand:
Ich kann kein Latein.
Aber ich habe genug Horrorfilme gesehen, um zu wissen:
Wenn ein Gerät in einer toten Sprache sagt, dass etwas erwacht ist, sollte man nicht erst die Grammatik prüfen.
Ich bewegte die Maus.
Der Cursor bewegte sich nicht sofort.
Er zögerte.
Nur einen Hauch.
Als hätte er Angst, als Erster über den Bildschirm zu gehen.
Dann öffnete sich KRunner.
Von selbst.
Oben in der Mitte.
Das kleine Suchfeld war leer.
Dann erschienen Buchstaben.
Langsam.
Als würde jemand tippen.
Ich hatte nichts gedrückt.
KRunner wollte, dass ich nachschaue.
Das ist nie ein gutes Zeichen.
Es gibt Dinge, die sollen nicht von selbst passieren.
Türen sollen nicht von selbst aufgehen.
Puppen sollen nicht von selbst den Kopf drehen.
Und KRunner soll nicht von selbst Diagnosebefehle vorschlagen.
Das sind Grundregeln des Zusammenlebens.
[hr][/hr]
Die Logs
Ghostty öffnete sich.
Ebenfalls von selbst.
Ich hatte mir irgendwann ein modernes Terminal installiert, weil es schön aussieht.
Dass es eines Tages als Ouija-Brett für meinen Kernel dienen würde, stand nicht in der Beschreibung.
Der Befehl lief.
Die Ausgabe kam sofort.
kwin: compositor daemonium evigilavit
plasmashell: panelis animam invenit
dolphin: piscis memoriam habet
kernel: kiru quid fecisti
snapper: sero est
Ich verstand nicht alles.
Aber ich verstand genug.
Kiru, was hast du getan?
Eine faire Frage.
Eine Frage, die bei Linux eigentlich öfter automatisch eingeblendet werden sollte.
Vielleicht direkt nach jedem:
Oder nach jedem Satz, der mit „ich teste nur kurz“ beginnt.
Ich wollte Ghostty schließen.
Das Fenster blieb offen.
Der Cursor blinkte.
Einmal.
Zweimal.
Dann schrieb sich eine neue Zeile:
Ich drückte sofort Ctrl + C.
Das Terminal antwortete:
Unverschämt.
Als ob ich jemals zurechnungsfähig wäre.
Tz.
Ich starrte auf die Zeile.
Mein Gehirn versuchte gleichzeitig drei Dinge:
Rational bleiben.
Nicht lachen.
Nicht prüfen, ob es diesen Dienst vielleicht wirklich irgendwo gibt.
Letzteres war die gefährlichste Option.
Denn Linux-Nutzer sind keine normalen Menschen.
Wenn irgendwo steht:
dann denkt ein normaler Mensch:
ZitatDas ist erfunden.
Ein Linux-Mensch denkt:
ZitatMoment, vielleicht liegt da eine Unit-Datei.
Und genau dieser kleine Unterschied ist der Grund, warum wir als Spezies nie wirklich frei sein werden.