Zu 95 % erfunden – nur lesen, wenn ihr Lust auf Kernel-Unsinn mit Kaffee habt

  • Part 1

    Eine Geschichte darüber, wie Kiru sich morgens seinen eigenen Linux-7.1.0-BORE-Kernel kompiliert

    Und ganz ehrlich?

    Ich hätte es morgens lassen sollen.

    Das weiß man bei solchen Geschichten natürlich immer erst hinterher.

    Vorher sitzt man da, mit Kaffee neben der Tastatur, noch halb im Schlaf und halb in diesem gefährlichen Zustand, in dem Linux-Ideen plötzlich vernünftig wirken.

    Draußen war es hell.

    Ich musste später zur Spätschicht.

    Eigentlich hätte ich also normale Dinge tun sollen.

    Frühstücken.

    Duschen.

    Vielleicht kurz aus dem Fenster schauen und so tun, als wäre ich ein funktionierender Mensch mit Alltagskompetenz und einem stabilen Verhältnis zu Bootloadern.

    Stattdessen baute ich einen Kernel.

    Nicht irgendeinen Kernel.

    Nein.

    Wenn schon fragwürdige Entscheidungen, dann bitte mit einem Namen, der klingt wie ein verbotenes Artefakt aus einem fragwürdigen Mecha-Anime:

    Code
    7.1-kiru-singularity-x7.1.0-bore

    BORE-getrimmt.

    Desktop-getrimmt.

    Kiru-getrimmt.

    Also wahrscheinlich irgendwo zwischen „optimiert“ und „ich habe Dinge angefasst, von denen ich absolut keine Ahnung habe“.

    Der Build lief durch.

    Einfach so.

    Keine Fehler.

    Keine roten Warnungen.

    Kein C-Code, der aus der Tiefe des Terminals schrie.

    Kein Compiler, der mir mit 400 Zeilen Fehlermeldung erklärte, dass ich als Mensch versagt habe.

    Nur ein sauber gebauter Kernel, der am Ende in meinem System lag wie ein schwarzer magischer Stein auf einem Altar.

    Ein Paket aus Macht.

    Hybris.

    Und sehr schlechtem Timing.

    Ich sah auf die Uhr.

    Ich musste los.

    Also sagte ich zu mir:

    Zitat

    Den teste ich heute Abend nach der Arbeit.

    Das war der Satz.

    Der Satz, bei dem in einem Horrorfilm die Musik lauter wird.

    Der Satz, nach dem irgendwo im Haus eine Tür zufällt, obwohl alle Fenster zu sind.

    Der Satz, bei dem erfahrene Zuschauer bereits die Decke enger ziehen und murmeln:

    Zitat

    Junge, nein.

    Aber ich hörte sie nicht.

    Ich musste zur Arbeit.

    Der Kernel blieb zurück.

    Allein.

    Im System.

    Wartend.

    [hr][/hr]

    Die Heimkehr

    Nach der Spätschicht kam ich nach Hause.

    Der Tag hatte mich weichgekaut und ausgespuckt. Ich war müde, hungrig und geistig ungefähr auf dem Niveau eines USB-Sticks, der zu oft ohne Auswerfen abgezogen wurde.

    Meine Schuhe machten dieses matte Geräusch im Flur, das nur Arbeitsschuhe nach einem zu langen Tag machen.

    Dumpf.

    Schwer.

    Vorwurfsvoll.

    Der Rechner stand im Wohnzimmer.

    Ausgeschaltet.

    Still.

    Zu still.

    Nicht dieses normale „Computer ist aus“-still.

    Eher dieses „ich habe den ganzen Tag auf dich gewartet“-still.

    Ich setzte mich hin.

    Der Stuhl knarrte.

    Der Monitor blieb schwarz.

    Für einen kurzen Moment dachte ich, ich sollte es lassen.

    Einfach essen.

    Anime anmachen.

    Gehirn auf Energiesparmodus schalten.

    Den Kernel morgen testen, bei Tageslicht, mit mehr Kaffee und weniger emotionaler Restlaufzeit.

    Das wäre vernünftig gewesen.

    Aber Vernunft ist bei meinen Linux-Projekten oft nur ein Prozess, der im Hintergrund läuft und irgendwann gewaltsam beendet wird.

    Dann hörte ich diese kleine Stimme im Kopf.

    Nicht dämonisch.

    Schlimmer.

    Linux-neugierig.

    Zitat

    Nur kurz booten. Was soll schon passieren?

    Ich hasse diesen Satz.

    Er klingt harmlos.

    Er klingt nach Kontrolle.

    Er klingt nach „ich weiß, was ich tue“.

    In Wahrheit ist er das geistige Äquivalent von barfuß in den Keller gehen, weil man „nur kurz nach dem Geräusch schauen“ will.

    Ich schaltete den Rechner ein.

    [hr][/hr]

    GRUB

    GRUB erschien.

    Normalerweise ist GRUB ein Bootmenü.

    Ein sachliches Ding.

    Schwarz.

    Weiß.

    Nüchtern.

    So eine Art Empfangstresen zwischen Mensch und Betriebssystem.

    An diesem Abend sah es aus wie eine Tür.

    Schwarz.

    Still.

    Mit weißen Buchstaben, die nicht angezeigt wurden, sondern irgendwie warteten.

    Da stand er.

    Code
    Ubuntu, mit Linux 7.1-kiru-singularity-x7.1.0-bore

    Darunter der alte Kernel.

    Verlässlich.

    Langweilig.

    Lebensrettend.

    Ein digitaler Wollpulli.

    Ein Kernel, der niemanden beeindrucken wollte und genau deshalb vermutlich der bessere Mensch von uns beiden war.

    Ich hätte ihn wählen können.

    Ich hätte wirklich einfach den alten Kernel wählen können.

    Einmal Pfeiltaste runter.

    Enter.

    Frieden.

    Sofa.

    Vielleicht ein Anime.

    Vielleicht sogar innere Ruhe.

    Aber nein.

    Ich bewegte den Cursor nach oben.

    Der neue Kernel wurde markiert.

    Für einen Moment flackerte der Bildschirm.

    Nur ganz kurz.

    So kurz, dass man sich einreden konnte, es sei nichts gewesen.

    Das machen Bildschirme gern, wenn sie später vor Gericht nicht aussagen wollen.

    Ich drückte Enter.

    Der Bildschirm wurde schwarz.

    Der Rechner atmete ein.

    Oder der Lüfter drehte hoch.

    Ich entscheide mich bis heute für die erste Version.

    [hr][/hr]

    Der erste Start

    Der Bootvorgang war sauber.

    Zu sauber.

    Keine Kernel Panic.

    Kein hängender Cursor.

    Kein NVIDIA-DKMS, das in Tränen ausbrach.

    Keine Fehlermeldung, bei der man sofort weiß, dass man jetzt eine Stunde in Foren aus dem Jahr 2016 verbringt, wo jemand am Ende schreibt:

    Zitat

    Hab’s gelöst.

    Und dann nie erklärt, wie.

    Nein.

    Alles lief.

    Der Bildschirm blieb ruhig.

    Die Zeilen zogen vorbei.

    Nichts brannte.

    Nichts schrie.

    Nichts explodierte.

    Das war verdächtig.

    Linux darf funktionieren.

    Aber wenn Linux nach einem selbstgebauten Kernel von Kiru zu sauber funktioniert, dann ist das kein Erfolg.

    Das ist in erster Linie sehr, sehr verdächtig!

    SDDM erschien.

    Ruhig.

    Normal.

    Fast höflich.

    Ich gab mein Passwort ein.

    KDE Plasma lud.

    Mein Wallpaper erschien.

    Die Taskleiste war da.

    Dolphin wartete im Panel.

    Ghostty auch.

    Alles sah aus wie immer.

    Und genau deshalb war es falsch.

    Ich saß da und starrte auf meinen Desktop.

    Es ist schwer zu erklären, aber manchmal merkt man, dass ein System nicht kaputt ist.

    Sondern wach.

    Nicht im Sinne von „läuft“.

    Mehr im Sinne von:

    Zitat

    Es hat dich bemerkt.

    Die Uhr unten rechts zeigte:

    Code
    23:18

    Dann flackerte sie.

    Nur einmal.

    Danach stand dort:

    [code]XXIII:XVIII

    Römische Zahlen.

    Ich sagte laut:

    Zitat

    WTF!?

    Der Desktop antwortete nicht.

    Das machte es nicht besser.

    [hr][/hr]

    Die Benachrichtigung

    Unten rechts erschien eine Plasma-Benachrichtigung.

    So eine ganz normale kleine Meldung.

    Abgerundete Ecken.

    Dunkles Theme.

    Hübsch genug, um gefährlich zu sein.

    Darin stand:

    Code
    Compositor evigilavit.

    Ich kann kein Latein.

    Aber ich habe genug Horrorfilme gesehen, um zu wissen:

    Wenn ein Gerät in einer toten Sprache sagt, dass etwas erwacht ist, sollte man nicht erst die Grammatik prüfen.

    Ich bewegte die Maus.

    Der Cursor bewegte sich nicht sofort.

    Er zögerte.

    Nur einen Hauch.

    Als hätte er Angst, als Erster über den Bildschirm zu gehen.

    Dann öffnete sich KRunner.

    Von selbst.

    Oben in der Mitte.

    Das kleine Suchfeld war leer.

    Dann erschienen Buchstaben.

    Langsam.

    Als würde jemand tippen.

    Code
    journalctl -b -p 3

    Ich hatte nichts gedrückt.

    KRunner wollte, dass ich nachschaue.

    Das ist nie ein gutes Zeichen.

    Es gibt Dinge, die sollen nicht von selbst passieren.

    Türen sollen nicht von selbst aufgehen.

    Puppen sollen nicht von selbst den Kopf drehen.

    Und KRunner soll nicht von selbst Diagnosebefehle vorschlagen.

    Das sind Grundregeln des Zusammenlebens.

    [hr][/hr]

    Die Logs

    Ghostty öffnete sich.

    Ebenfalls von selbst.

    Ich hatte mir irgendwann ein modernes Terminal installiert, weil es schön aussieht.

    Dass es eines Tages als Ouija-Brett für meinen Kernel dienen würde, stand nicht in der Beschreibung.

    Der Befehl lief.

    Die Ausgabe kam sofort.

    Code
    kwin: compositor daemonium evigilavit
    plasmashell: panelis animam invenit
    dolphin: piscis memoriam habet
    kernel: kiru quid fecisti
    snapper: sero est

    Ich verstand nicht alles.

    Aber ich verstand genug.

    Code
    kiru quid fecisti

    Kiru, was hast du getan?

    Eine faire Frage.

    Eine Frage, die bei Linux eigentlich öfter automatisch eingeblendet werden sollte.

    Vielleicht direkt nach jedem:

    Code
    sudo make install

    Oder nach jedem Satz, der mit „ich teste nur kurz“ beginnt.

    Ich wollte Ghostty schließen.

    Das Fenster blieb offen.

    Der Cursor blinkte.

    Einmal.

    Zweimal.

    Dann schrieb sich eine neue Zeile:

    Code
    sudo systemctl enable plasma-daemonium.service

    Ich drückte sofort Ctrl + C.

    Das Terminal antwortete:

    Code
    Operation abgebrochen.
    Grund: Mensch noch teilweise zurechnungsfähig.

    Unverschämt.

    Als ob ich jemals zurechnungsfähig wäre.

    Tz.

    Ich starrte auf die Zeile.

    Mein Gehirn versuchte gleichzeitig drei Dinge:

    Rational bleiben.

    Nicht lachen.

    Nicht prüfen, ob es diesen Dienst vielleicht wirklich irgendwo gibt.

    Letzteres war die gefährlichste Option.

    Denn Linux-Nutzer sind keine normalen Menschen.

    Wenn irgendwo steht:

    Code
    plasma-daemonium.service

    dann denkt ein normaler Mensch:

    Zitat

    Das ist erfunden.

    Ein Linux-Mensch denkt:

    Zitat

    Moment, vielleicht liegt da eine Unit-Datei.

    Und genau dieser kleine Unterschied ist der Grund, warum wir als Spezies nie wirklich frei sein werden.

    Grüße aus der Kommandozentrale ✨
    in der Kubuntu friedlich schnurrt, KDE Plasma die Fenster artig in Form schiebt, Dolphin zuverlässig durch die Ordner paddelt und irgendwo Snapper im Hintergrund nervös Kaffee trinkt, sobald ich Ghostty öffne und „ich teste nur kurz was“ murmel.

    Meine Hardware

    Main Rig: Ryzen 7 3700X · 32 GB RAM · RTX 4070 · 1 TB NVMe + 2 TB WD Extern SSD · Kubuntu
    Oldguy Lappy: AMD A8-3510MX · 8 GB RAM · Radeon HD 6620G/66xxM · 750 GB HDD · Debian 13 · Hyprland/Noctalia

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