Part 2
Dolphin wusste zu viel
Dolphin öffnete sich.
Ein Dateimanager sollte Dateien anzeigen.
Nicht eigene Entscheidungen treffen.
Nicht mitten in der Nacht Ordner öffnen, die es nicht geben dürfte.
Der Pfad lautete:
/home/kiru/.local/share/plasma/rituale
Ich hatte diesen Ordner nie angelegt.
Zumindest nicht bewusst.
Das ist bei Linux immer eine gefährliche Einschränkung.
„Nicht bewusst“ bedeutet:
Vielleicht war es ein Script.
Vielleicht war es ein Test.
Vielleicht war es nachts um halb zwei.
Vielleicht stand irgendwo „quick fix“ im Kommentar.
Darin lagen drei Dateien:
kwin_invocatio.qml
breeze_infernum.colors
README_NICHT_LESEN.md
Natürlich öffnete ich die README.
Man kann Linux-Nutzern viel vorwerfen, aber nicht, dass sie Dateien mit „NICHT_LESEN“ im Namen ignorieren könnten.
Das ist keine Warnung.
Das ist eine Einladung mit dramatischer Beleuchtung.
In der Datei stand nur ein Satz:
Zitat
Du hast den Singularity-Kernel gebaut. Jetzt leb mit der Singularity.
Ich schloss Dolphin.
Dolphin öffnete sich plötzlich wieder.
Diesmal in:
Der Ordner war leer.
Das war persönlich.
[hr][/hr]
Plasma wurde hübsch
Dann änderte sich das Theme.
Nicht abrupt.
Nicht mit einem billigen Horrorfilm-Blitz.
Langsam.
Wie eine Wand, auf der Schatten länger werden.
Die Fensterrahmen wurden dunkler.
Die Akzentfarbe wechselte zu einem goldenen Ton, der ungefähr aussah wie eine Kathedrale bei Sonnenuntergang.
Die Icons bekamen einen leichten Schimmer.
Das Panel wurde transparenter.
Die abgerundeten Ecken sahen plötzlich perfekt aus.
In den Systemeinstellungen stand als aktives Design:
Und das Schlimmste war:
Es sah gut aus.
Richtig gut.
Das ist der fieseste Teil an Linux.
Es reicht nicht, dass etwas kaputtgeht.
Nein.
Es muss dabei noch besser aussehen als vorher, damit man kurz überlegt, ob man das nicht vielleicht doch behalten sollte.
Ich starrte auf den Desktop und dachte:
Zitat
Dann flüsterte der Lautsprecher.
Ganz leise.
Kaum mehr als ein Rauschen zwischen zwei Lüfterumdrehungen.
Bleib.
Ich stand auf.
Nicht hektisch.
Hektik wäre Schwäche gewesen.
Ich stand langsam auf, so wie man in Horrorfilmen aufsteht, wenn man endlich verstanden hat, dass der Keller kein gutes Versteck ist.
Der Desktop blieb ruhig.
Das Panel glänzte.
Die Uhr zeigte weiterhin:
[code]XXIII:XXVII
Ich wusste nicht, ob die Zeit weiterlief oder nur so tat.
Beides war schlecht.
[hr][/hr]
Der Exorzismus
Ich setzte mich wieder hin.
Denn ich bin Linux-Nutzer.
Wir fliehen nicht sofort.
Wir versuchen vorher mindestens drei unsinnige Befehle.
Ich tippte:
sudo apt install plasma-exorcism
APT dachte kurz nach.
Dann antwortete es:
Paket plasma-exorcism konnte nicht gefunden werden.
Vielleicht möchten Sie installieren:
kubuntu-desktop
libreoffice-l10n-la
Lateinisches Sprachpaket.
Sehr witzig.
Ich versuchte es mit:
sudo systemctl stop plasma-daemonium.service
Die Antwort kam sofort:
Unit plasma-daemonium.service not found.
It is not a service.
It is a mood.
Ich hätte lachen können.
Ich hätte auch weinen können.
Ich entschied mich für das, was Linux-Menschen in solchen Situationen tun:
Ich öffnete noch mehr Logs.
Das war wahrscheinlich der dritte Fehler.
Oder der vierte.
Man verliert irgendwann den Überblick.
Vor allem, wenn die Desktopumgebung anfängt, wie ein verfluchtes Klosterarchiv zu wirken.
Ich tippte:
Das Terminal dachte einen Moment nach.
Dann kam:
[ 666.000000] KDE: user ignored multiple warnings
[ 666.000001] kernel: curiosity level critical
[ 666.000002] coffee: insufficient
[ 666.000003] common_sense: module not loaded
Das war Rufmord.
Technisch nicht komplett falsch.
Aber Rufmord.
[hr][/hr]
Snapper
Snapper meldete sich.
Nicht als Fenster.
Nicht als Benachrichtigung.
Sondern als kurzer Text im Terminal:
snapshot created: ante_peccatum
Vor der Sünde.
Ich fand das unfair.
Ich hatte keine Sünde begangen.
Ich hatte nur morgens vor der Spätschicht einen selbstgebauten Kernel kompiliert, ihn nach Feierabend installiert und dann trotz römischer Uhr weiter debuggt.
Okay.
Vielleicht hatte Snapper einen Punkt.
Dann erschien ein zweiter Snapshot:
snapshot created: post_stultitiam
Nach der Dummheit.
Ich schloss das Terminal.
Man muss nicht jede Meinung des Systems lesen.
Auf dem Desktop erschien kurz ein neues Symbol.
Nur für einen Moment.
Es sah aus wie ein Papierkorb.
Darunter stand:
Dann verschwand es wieder.
Ich tat so, als hätte ich es nicht gesehen.
Das ist eine bewährte Troubleshooting-Strategie.
Nicht gut.
Aber bewährt.
[hr][/hr]
Der Fluchtversuch
Ich rebootete.
Nicht stolz.
Nicht elegant.
Eher wie jemand, der bei einem dämonischen Dateimanager beschlossen hat, dass Neugier vielleicht doch keine gute Charaktereigenschaft ist.
Der Bildschirm wurde schwarz.
Für einen Moment war nur der Lüfter zu hören.
Dann erschien GRUB.
Der alte Kernel stand dort.
Ruhig.
Normal.
Ein Eintrag wie eine geöffnete Tür in ein beleuchtetes Treppenhaus.
Der neue Kernel stand darüber.
Ubuntu, mit Linux 7.1-kiru-singularity-x7.1.0-bore
Er sah nicht aus wie ein Text.
Er sah aus wie ein Versprechen, das man nicht hätte geben sollen.
Ich bewegte den Cursor nach unten zum alten Kernel.
Der Bildschirm flackerte.
Der Cursor sprang wieder nach oben.
Ich bewegte ihn erneut.
Wieder flackerte es.
Unten am Rand erschien eine Zeile:
Ich kann kein Latein.
Aber ich verstand es trotzdem.
Du verlässt mich nicht.
Doch.
Tat ich.
Einseitige Beziehungen sind halt einfach nicht mein Ding.
Ich hielt die Pfeiltaste gedrückt, erreichte den alten Kernel und drückte Enter.
Der Bildschirm wurde schwarz.
Ganz leise, kaum hörbar, kam aus den Lautsprechern:
Zitat
Kiru… ich komme wieder!!!!!
Ich riss den Kopfhörer ab.
Das war natürlich Einbildung.
Hoffentlich.
[hr][/hr]
Der alte Kernel
Der alte Kernel bootete.
SDDM erschien.
KDE Plasma lud.
Alles war normal.
Fast zu normal.
Die Uhr zeigte wieder:
Keine römischen Zahlen.
Keine lateinischen Benachrichtigungen.
Dolphin öffnete mein Home-Verzeichnis.
Ghostty blieb leer.
KRunner tat so, als hätte es nie versucht, einen dämonischen Systemdienst zu aktivieren.
Ich atmete aus.
Dieses Ausatmen war nicht elegant.
Eher so ein:
Zitat
Ich bin erwachsen und hatte eben Angst vor einem Panel.
Dann öffnete ich die Systemeinstellungen.
Nur zur Kontrolle.
Breeze Dark war aktiv.
Alles sah aus wie vorher.
Fast.
In der Liste der zuletzt verwendeten Designs stand ganz unten:
Ich löschte den Eintrag nicht.
Ich wollte ihn nicht anfassen.
Manche Dinge löscht man nicht.
Manche Dinge lässt man liegen, weil man nicht weiß, ob sie dann beleidigt sind.
Stattdessen öffnete ich das Terminal.
Diesmal freiwillig.
Ich wusste, was zu tun war.
[hr][/hr]
Die Löschung
Der neue Kernel musste weg.
Nicht später.
Nicht morgen.
Nicht „ich teste nochmal kurz“.
Weg!
Ich suchte die installierten Kernelpakete.
Meine Finger zitterten nicht.
Na ja, ein bisschen vielleicht.
Aber das lag am Kaffee.
Wahrscheinlich.
Dann entfernte ich ihn.
sudo apt remove linux-image-7.1-kiru-singularity-x7.1.0-bore
APT fragte, ob ich fortfahren wolle.
Zum ersten Mal an diesem Abend klang eine Frage vernünftig.
Ich bestätigte.
Die Pakete wurden entfernt.
GRUB wurde aktualisiert.
initramfs räumte auf.
Der Terminalcursor blinkte.
Einmal.
Zweimal.
Dann erschien eine letzte Zeile.
Nicht rot.
Nicht fett.
Nur normaler Text.
Entferne 7.1-kiru-singularity-x7.1.0-bore ...
Danach war es still.
Richtig still.
Nicht wartend.
Nicht lauernd.
Einfach still.
Ich startete neu.
GRUB erschien.
Der neue Kernel war verschwunden.
Nur der alte Ubuntu-Kernel blieb.
Langweilig.
Stabil.
Wunderschön langweilig.
KDE startete.
Keine lateinische Uhr.
Kein Infernum-Theme.
Kein Ordner namens Rituale.
Ich öffnete Dolphin.
Mein Home-Verzeichnis.
Ganz normal.
Ich öffnete Ghostty.
Leeres Terminal.
Ich tippte:
Keine Dämonen.
Keine lateinischen Fragen.
Nur normale Linux-Fehler.
Die guten.
Die ehrlichen.
Die, bei denen man wenigstens weiß, dass irgendein Dienst beleidigt ist und nicht die halbe Benutzeroberfläche einen Exorzismus braucht.
Für einen kurzen Moment war ich fast dankbar für gewöhnliche Fehlermeldungen.
Das ist auch so ein Linux-Ding.
Irgendwann freut man sich über normale kaputte Dinge.
Weil sie wenigstens nicht Latein sprechen.
[hr][/hr]
Nachwort
Natürlich ist diese Geschichte frei erfunden.
KDE Plasma flüstert nicht Latein, nur weil man morgens vor der Spätschicht einen selbstgebauten Kernel baut und ihn nach Feierabend installiert.
Wahrscheinlich.
Aber manchmal fühlt sich Linux genau so an.
Man baut etwas.
Man weiß nicht genau, ob man gerade ein Werkzeug erschaffen hat oder eine Tür.
Man bootet.
Man hofft.
Man hört auf die Lüfter.
Und irgendwo zwischen
,
und der Frage, warum der Desktop plötzlich besser aussieht als vorher, merkt man:
Vielleicht war der alte Kernel gar nicht langweilig.
Vielleicht war er einfach nur nicht besessen.
Und manchmal ist das genug.
Ich werde natürlich nie wieder morgens vor der Spätschicht einen eigenen Kernel bauen und ihn nach Feierabend testen.
Das wäre unvernünftig.
Unnötig.
Gefährlich.
Völlig vermeidbar.
Also vermutlich irgendwann nächste Woche.
-------
Die Idee kam mir gestern Abend, nachdem ich den Kernel installiert hatte, den ich morgens kompilierte, und irgendwie enttäuscht war, dass alles reibungslos funktionierte.
Was meint ihr dazu? Gehört sowas überhaupt hier ins Forum, oder ist das eher „Kiru hat wieder zu viel Kaffee und Linux im Kopf gehabt“? 😄